Zwei Zeugnisse voller Einsen?
Es ist schön zu sehen, wenn man als Elternteil das Zeugnis der Kinder aufschlägt und ein besonders guter Notendurchschnitt zum Vorschein kommt. Da kommt schnell mal die Frage auf, wie gute (oder manchmal auch weniger gute) Leistungen in der Schule eigentlich entstehen. Warum bekommen manche Kinder scheinbar mühelos gute Noten, während sich andere Mitschüler*innen viel mehr anstrengen müssen, um ähnliche Ergebnisse zu erzielen? Welche Auswirkungen haben genetische und umweltbedingte Einflüsse auf die Unterschiede zwischen Kindern in ihrer akademischen Leistung? Dieser Frage ging eine aktuelle Studie nach, die auf den Schulnoten der Zwillinge und Geschwisterkinder aus TwinLife basiert.
Wer nahm an der Studie teil und was wurde untersucht?
Von insgesamt 432 eineiigen und 529 zweieiigen Zwillingspaaren sowie 317 Geschwistern der Zwillinge aus den Kohorten der 11- und 17-Jährigen haben wir anhand der fotografierten Zeugnisse die Noten  in Mathematik und Deutsch erfasst. Zusätzlich wurde aus allen Zeugnisnoten ein Durchschnitt errechnet und in die Auswertung miteinbezogen. Außerdem haben wir untersucht, ob sich der Einfluss von genetischen Bedingungen und Umwelterfahrungen unterscheidet, wenn die Zwillinge entweder eine gemeinsame Klasse oder getrennte Klassen besuchen.
Mögliche Einflüsse auf die schulische Leistung
Die Forschung hat in vorherigen Studien herausgefunden, dass verschiedene kognitive, nicht-kognitive und externe Faktoren mit schulischer Leistung in Zusammenhang stehen. Externe Faktoren umfassen u.a. die Schulform, das Klassenklima und das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Zu den kognitiven Faktoren zählen vor allem die Intelligenz und das Arbeitsgedächtnis, da z.B. eine gute Merkfähigkeit und schnelle Informationsverarbeitung wichtig für gute Leistungen in der Schule sind. Unter den nicht-kognitiven Faktoren versteht man beispielsweise Persönlichkeitseigenschaften (z.B. Gewissenhaftigkeit), das Selbstkonzept (z.B. das Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten) und die Motivation, die ebenfalls damit zusammenhängen, auf welche Art und mit welchem Erfolg Kinder in der Schule lernen. 
Menschen unterscheiden sich in all diesen Merkmalen und diese Unterschiedlichkeit lässt sich zum Teil durch genetische Faktoren und teils durch Umwelterfahrungen erklären. Da diese Merkmale mit der Schulleistung zusammenhängen, haben wir in dieser Studie untersucht, zu welchen Anteilen Gene und Umwelt für die Unterschiede in Schulnoten verantwortlich sind. Um einen besseren Einblick darin zu erhalten, wie groß der jeweilige Einfluss der Umwelt und der Gene ist, sind Zwillingsstudien wie TwinLife von besonders großem Wert.
Ergebnisse

Wir haben herausgefunden, dass bis zu 62% der Unterschiede in der Schulleistung auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. Neben individuellen Umwelterfahrungen spielen außerdem Umweltbedingungen, die von den Zwillingen geteilt werden, eine wichtige Rolle. Besonders bedeutsam ist dieser Effekt, wenn die Zwillinge eine gemeinsame Klasse besuchen. Hier teilen sie nämlich die Lehrer*innen und Mitschüler*innen. Die von Zwillingen geteilten Umwelterfahrungen können dann bis zu 48% der Unterschiede in den Schulnoten erklären. Besuchen die Zwillinge hingegen verschiedene Klassen, sind es nur bis zu 22% und ein größerer Anteil der Unterschiedlichkeit lässt sich somit auf die individuelle genetische Ausstattung und nicht-geteilten Umwelterfahrungen zurückführen. Die Ergebnisse zum Gesamtnotendurchschnitt der Zwillinge sind in der Grafik zu sehen.

Ergebnisse zum Gesamtnotendurchschnitt der Zwillinge
Wichtig zu wissen ist, dass die gemeinsamen Umweltbedingungen der Zwillinge wahrscheinlich nicht durch das “Zwilling sein” so besonders sind. Viel relevanter ist hierbei, dass beide Kinder altersspezifische Erfahrungen zur gleichen Zeit und unter den gleichen Bedingungen machen, sie häufig gemeinsame Freunde haben und teilweise eben auch die gleiche Schulklasse besuchen. Umwelterfahrungen, die von allen Kindern einer Familie geteilt werden (z.B. der Wohnort oder möglicherweise die soziale und finanzielle Situation der Familie), haben hingegen keinen bedeutsamen Einfluss auf die Unterschiede in den Schulnoten.
Wir können aus den Ergebnissen schließen, dass Unterschiede in Schulnoten in Deutschland zum größten Teil die individuellen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen widerspiegeln. Hingegen sind Umwelterfahrungen, die alle Kinder einer Familie teilen, oft von geringerer Bedeutung als vielfach angenommen wird.
Siehe: Eifler, E. F., Starr A. & Riemann, R. (2019). The genetic and environmental effects on school grades in late childhood and adolescence. PLoS ONE 14(12)➔ Abstract