Studie

Von der Beschreibung bis zur Datenerhebung

Beschreibung

TwinLife ist eine auf zwölf Jahre angelegte repräsentative verhaltensgenetische Studie zur Entwicklung von sozialer Ungleichheit.
 
Seit 2014 befragen wir in einem jährlichen Turnus über 4000 in Deutschland lebende Zwillingspaare und deren Familien zu unterschiedlichen Lebensabschnitten. Dabei ist es wichtig, Daten von ein- und zweieiigen Zwillingen sowie Daten ihrer Eltern und Geschwister über mehrere Jahre hinweg zu betrachten, um nicht nur soziale Mechanismen, sondern auch genetische Differenzen zwischen Individuen und die individuelle Entwicklung in Abhängigkeit unterschiedlicher Einflussfaktoren untersuchen zu können.

Inhaltlich werden dabei sechs bedeutsame Bereiche fokussiert: Bildung und Bildungserfolg, Karriere und Erfolge auf dem Arbeitsmarkt, Integration und Teilhabe am sozialen, kulturellen und politischen Leben, Lebensqualität und wahrgenommene Handlungsmöglichkeiten, physische und psychologische Gesundheit sowie schließlich Verhaltensprobleme und abweichendes Verhalten. Die so erhobenen Daten können Aufschluss über Fragen zur Entstehung von sozialen Unterschieden geben und sollen der wissenschaftlichen Gemeinschaft zugänglich gemacht werden.

 
Wie ist der aktuelle Stand?

Seit dem Beginn im Jahr 2014 ist wirklich viel passiert! Inzwischen sind die ersten drei Haushaltsbefragungen sowie die ersten beiden Telefoninterviews abgeschlossen und das dritte Telefoninterview befindet sich in den letzten Zügen. Aktuell bereiten wir vom TwinLife-Team bereits das Befragungsprogramm für die vierte Haushaltsbefragung vor.
Aber auch sonst haben wir einiges zu tun. Nach einem gelungenen Advisory Board Meeting im Januar 2018, stand im Januar 2020 bereits das nächste Treffen an. Es ist immer wieder schön, die Leute wiederzusehen, die die Leidenschaft für dieses Projekt teilen! Auch auf Konferenzen, wie zum Beispiel der DPPD (2019) in Dresden oder der BGA (2019) in Stockhom, gelingt es uns immer wieder, andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für unsere Arbeit zu begeistern. Hier erhalten wir auch immer wieder positives, motivierendes Feedback.
Doch es sind nicht nur die Wissenschaftler, deren Feedback uns bewegt. Häufig erhalten wir E-Mails von Eltern, die uns unbedingt weiter unterstützen und ihren Dank ausdrücken möchten. Da wir uns für die Teilnehmer unserer Studie jedoch ständig weiterentwickeln und verbessern möchten, sind auch Kritik und Anregungen jederzeit willkommen!

Schwerpunkt

Um die Entstehung sozialer Ungleichheit genauer betrachten zu können, werden in TwinLife nicht nur unterschiedliche ursächliche Faktoren betrachtet, sondern auch verschiedene Indikatoren persönlichen und gesellschaftlichen Erfolgs bzw. Misserfolgs.

Die untenstehende Grafik gibt einen Überblick der relevanten Charakteristika. Auf Seiten der bedingenden Faktoren (links) werden sowohl genetische Anlagen, als auch Aspekte der Umwelt, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen und leben, berücksichtigt. Auf der Seite der Auswirkungen (rechts) werden nicht nur objektive, sondern auch subjektive Informationen über den individuellen Werdegang einer Person betrachtet. Hierbei werden beispielsweise der Bildungsweg und der Arbeitseinstieg, ebenso wie die Teilnahme am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben und die subjektive Bewertung der Lebensqualität untersucht.

Kinder werden von ihrer Umwelt beeinflusst, sie können dabei aber, abhängig von ihren individuellen Merkmalsausprägungen, unterschiedlich auf diese Umwelt reagieren, mit ihr interagieren und diese gestalten. Um diesen wechselseitigen Prozess genau betrachten zu können, sollen die in der Grafik dargestellten Charakteristika über einen Zeitraum von 12 Jahren erfasst werden.

Studie TwinLife


Biologischer Ursprung

Mit Hilfe von Informationen ein- und zweieiiger Zwillinge kann die Bedeutung genetischer Unterschiede für zahlreiche Entwicklungsindikatoren wie z.B. Verhaltensweisen bestimmt werden.

Sozialer Ursprung

Neben biologischen Merkmalen werden ebenso Charakteristika der Umwelt betrachtet, wie beispielsweise der sozio-ökonomische Status, die Familienumwelt und -struktur, die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern sowie Merkmale der Nachbarschaft.

Bildung & Bildungserfolg

Hierbei werden neben kognitiven Fähigkeiten und deren Entwicklung auch Motivation und Bildungsniveau untersucht.

Karriere & Erfolg auf dem Arbeitsmarkt

Dieser Bereich umfasst die wahrgenommene Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Arbeitszufriedenheit, ebenso wie das Arbeitsengagement, den aktuellen Beruf und die aktuelle Position sowie Einkommen oder ggf. das Empfangen von Sozialleistungen.

Soziale und politische Integration

Hier werden die Charakteristika des sozialen Umfelds jeder Person untersucht, wie beispielsweise die Unterstützung durch Familie, Freunde und Ehepartner. Zudem sind soziales und politisches Engagement, soziale Ressourcen und der Grad der empfundenen Zugehörigkeit von Interesse.

Subjektive Einschätzung der Lebensqualität

In dieser Kategorie werden die emotionale Stabilität der Personen, der Selbstwert, die globale Lebenszufriedenheit und die Lebenszufriedenheit in bestimmten Bereichen zusammengefasst.

Physische & psychische Gesundheit

Neben der Lebensqualität umfasst dieser Bereich Einschätzungen zur allgemeinen Gesundheit im Hinblick auf Krankheiten, aber auch subjektiv wahrgenommener Beeinträchtigungen sowie Angaben zum Gesundheitsverhalten.

Verhaltensprobleme & abweichendes Verhalten

An dieser Stelle wird unter anderem kriminelles oder straffälliges Verhalten erfragt, sowie das Ausmaß an internalisiertem und externalisiertem Problemverhalten.

Vorgehen

Wer kann bei TwinLife teilnehmen?

Sie können sich zur Teilnahme an TwinLife nicht direkt bewerben, denn die Familien wurden zufällig durch die Einwohnermeldeämter aus der Bevölkerung ausgewählt. Dadurch gelingt es uns, dass wir einen repräsentativen Ausschnitt der Zwillingsfamilien in Deutschland befragen. 

Wie lange dauert die Befragung?

Die Befragungsdauer ist abhängig vom Alter sowie der Beziehung der befragten Person zu den Zwillingen (z.B. Partner, Elternteil, Geschwister). Die gesamte Befragungszeit im Haushalt (also aller Personen zusammen) beträgt in der Regel jedoch nicht mehr als 3 Stunden.

Wie läuft die Befragung für Teilnehmer/innen der Studie ab?

Die Befragung zufällig ausgewählter Zwillingspaare und ihrer Familien findet in einem jährlichen Rhythmus statt, angefangen im Herbst 2014, wobei sich Hausbesuche und Telefonbefragungen jeweils abwechseln (siehe dazu auch Konzepte und Design).

Neben den Zwillingen selbst werden auch die Eltern und ein ggf. vorhandenes Geschwisterkind der Zwillinge befragt. Bei den älteren Zwillingen beziehen wir darüber hinaus auch deren Partner/innen in die Studie mit ein.

In der Befragung geht es um verschiedene Lebensbereiche: So interessieren wir uns beispielsweise für die Bereiche Schule, Beruf und Ausbildung, aber auch dafür, wie zufrieden die Teilnehmer/innen mit bestimmten Lebensbereichen sind oder wie die Beziehungen zwischen den Zwillingen und anderen Familienmitgliedern eingeschätzt werden. Die Fragenauswahl und -formulierung richtet sich nach dem Alter und der individuellen Lebenssituation der Befragten. Jede Befragung wird von einem geschulten Interviewer geleitet, der dem Teilnehmenden für aufkommende Fragen und Verständnisschwierigkeiten zur Seite steht. In der Haushaltsbefragung kommen verschiedene Befragungsmethoden zum Einsatz: Neben Papierfragebögen werden Interviews auch computergestützt begleitet oder durchgeführt.

Konzept und Design

In TwinLife werden zwei verschiedene Designs miteinander kombiniert: Das cross–sequenzielle Design und das Nuclear Twin Family Design (NTFD).
 
 
Das cross–sequenzielle Design ist eine Kombination aus Längsschnittstudie und cross-sektionalem Design. Bei einer Längsschnittstudie werden die gleichen Personen zu verschiedenen Testzeitpunkten untersucht. In TwinLife liegen diese Testzeitpunkte immer ein Jahr auseinander. Bei einem cross-sektionalem Design werden Personen mehrerer Geburtsjahrgänge zum gleichen Zeitpunkt untersucht. In TwinLife sind die Zwillinge in vier Geburtsjahrgänge eingeteilt. Jedes Jahr werden alle vier Jahrgänge wieder befragt.

Kombiniert man diese beiden Designs, werden also Personen verschiedener Jahrgänge mehrmals untersucht.

Bei einem Nuclear Twin Family Design (NTFD) werden die Verwandten ersten Grades der Zwillinge in die Untersuchung mit einbezogen, um untersuchen zu können, welchen Einfluss die geteilte (also die familiäre) Umwelt und welchen Einfluss die nicht-geteilte Umwelt auf die Entwicklung der Zwillinge hat. In TwinLife werden deshalb nicht nur die Zwillinge selbst, sondern (wenn möglich) auch ein Geschwisterkind und beide Elternteile befragt.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass wir nur gleichgeschlechtliche Zwillinge befragen, um Verzerrungen aufgrund des unterschiedlichen Geschlechts zu vermeiden. Außerdem werden nur solche Zwillingspaare untersucht, die in derselben Familie aufgewachsen sind bzw. aufwachsen.
 
 
In TwinLife sollen durch die Umsetzung des cross-sequenziellen Designs vier Kohorten von ein- und zweieiigen Zwillingen über zwölf Jahre beobachtet werden. Dazu werden jährliche Interviews durchgeführt, die abwechselnd telefonisch und im Haushalt stattfinden.

Dieses Design erlaubt es, in der kurzen Untersuchungsspanne von zwölf Jahren einen großen Altersbereich zu untersuchen. Die jüngste Kohorte (Jahrgang 2009) ist zum Zeitpunkt der ersten Testung im Jahr 2014 fünf Jahre alt und die älteste Kohorte (Jahrgang 1991) ist zum Zeitpunkt der letzten Testung im Jahr 2023 bereits 31 Jahre alt, so dass TwinLife eine Alterspanne von insgesamt 26 Jahren abdecken kann. Der Vorteil liegt folglich darin, dass die Messungen kurz vor dem Eintritt in die Schule beginnen und dann enden, wenn die meisten karrierebezogenen Entscheidungen abgeschlossen sind. Somit können viele bedeutsame Lebensereignisse und Umbrüche wie z.B. der Wechsel auf die weiterführende Schule oder der Start ins Berufsleben untersucht werden.

TwinLife Konzept
 
Das NTFD wird in TwinLife in besonderer Form angewendet: Der Fokus liegt hierbei nicht nur auf der biologischen Familie, sondern auch auf der Umwelt, in der die Zwillinge aufwachsen, also ggf. auch auf der Stieffamilie oder auf (Ehe-)Partnern, die besonders bei älteren Zwillingen äußerst wichtige Umweltfaktoren darstellen. Dies trifft auch auf Trennungen und Scheidungen der Eltern oder der Einzug einer oder mehrerer Personen in den Haushalt zu, welche ebenfalls mit aufgenommen werden.

Datenerhebung

Seit 2014 werden im Rahmen des TwinLife Projektes im jährlichen Turnus Daten erhoben. Dabei ist die Stichprobe in zwei Teilstichproben aufgeteilt und die Erhebung findet abwechselnd via Haushalts- und Telefoninterview statt (s. Abbildung).

  • Teilstichprobe A: Geburtsjahrgänge 1990/91, 1997, 2003, 2009
  • Teilstichprobe B: Geburtsjahrgänge 1992/93, 1998, 2004, 2010

Datenerhebung TwinLife

Wir stellen der wissenschaftlichen Gemeinschaft alle Daten, die wir im Laufe der Zeit sammeln, zur Verfügung. Die Daten der Haushalts- und Telefonbefragung der gesamten ersten Welle sind bereits abrufbar, weitere Befragungen werden zurzeit ausgewertet und stehen bald ebenfalls zur Verfügung.