Zwillingsstudien

Wir alle machen in unserem Alltag ständig die Beobachtung, dass Menschen sich unterscheiden und sich in der gleichen Situation unterschiedlich verhalten oder in unterschiedlichen Situationen gleich: Während die einen z.B. scheinbar mühelos Kontakte knüpfen ziehen sich andere eher zurück und halten sich im Hintergrund.
 
Aber wie lassen sich diese offensichtlichen Unterschiede erklären? Sind sie ein Produkt unserer Veranlagung, unseres genetischen Ausgangsmaterials? Oder sind sie vielmehr durch gemeinsame und differierende Umweltbedingungen zu erklären? Mit dieser Frage beschäftigt sich die psychologische Forschung schon seit ihren Anfängen und Antworten hierauf erhofft man sich unter anderem von der Zwillingsforschung.

Methoden der Zwillingsforschung

Zwillinge sind für die psychologische Forschung etwas Besonderes und Wertvolles. Denn die Untersuchung von psychologisch relevanten Merkmalen in einer Zwillingsstichprobe gibt interessante Aufschlüsse darüber, warum sich Personen unterscheiden: Jeder Mensch ist das einmalige Ergebnis eines Wechselspiels von angeborenen Veranlagungen und Umwelteinflüssen. Zwillingsstudien ermöglichen nun in einzigartiger Weise die Analyse des Einflusses dieser genetischen und umweltbedingten Faktoren.

Unsere Analysen beruhen auf einem Vergleich der Ähnlichkeit von ein- und zweieiigen Zwillingen. Dabei machen wir uns die Tatsache zu Nutze, dass eineiige Zwillinge exakt die gleichen Erbanlagen aufweisen und gleichzeitig sehr viele ihrer Umwelteinflüsse teilen (z.B. den Lebensstil der Familie). Demgegenüber teilen zweieiige Zwillinge im Schnitt nur 50% ihrer Gene. Im Unterschied zu normalen Geschwistern kann man bei ihnen allerdings – ebenso wie bei eineiigen Zwillingen – davon ausgehen, dass sie sehr viele Umweltfaktoren miteinander teilen, denn sie wachsen ja zur gleichen Zeit in der gleichen Familie auf.
 
Genau dieser Vergleich zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen in einem Merkmal ermöglicht uns deshalb eine Abschätzung des Einflusses von Genen und Umwelt auf das jeweils untersuchte Merkmal. Zeigen zum Beispiel eineiige Zwillinge in einem Merkmal größere Ähnlichkeiten als zweieiige, so deutet dies darauf hin, dass genetische Faktoren zur individuellen Ausbildung dieses Merkmals beim Menschen beitragen. Unterscheiden sich eineiige und zweieiige Zwillinge hingegen überhaupt nicht oder nur geringfügig in ihrer Ähnlichkeit, so spräche dies für einen unbedeutenden Einfluss genetischer Faktoren. In diesem Fall wäre die Ursache für die Ähnlichkeit der Zwillinge also eher im Bereich umweltbedingter Einflüsse zu suchen.
 
Weitere Methoden beinhalten den Vergleich von Zwillingen mit anderen Geschwistern, mit Adoptivgeschwistern, mit Eltern und nahen Verwandten.

Anlage und Umwelt – Der Begriff der Erblichkeit

Manchem bereitet die Vorstellung ein gewisses Unbehagen, dass unsere Gene bei verschiedensten Eigenschaften mitwirken – sei es bei unseren kognitiven Fähigkeiten oder auch unserer Motivation. Denn häufig wird eine hohe Erblichkeit eines Merkmals fälschlicherweise mit dessen Unveränderbarkeit gleichgesetzt. Der Begriff der »Erblichkeit« stellt jedoch lediglich eine statistische Kenngröße dar, die angibt, welcher Anteil individueller Unterschiede innerhalb einer Population auf genetische Unterschiede zwischen den untersuchten Personen zurückzuführen ist.
 
Eine Erblichkeit von 70% bedeutet demnach, dass 70% der Unterschiede zwischen Personen durch genetische Unterschiede erklärt werden können. Noch deutlicher wird dies in einem Gedankenexperiment: Würden wir annehmen, dass eine Gruppe von Kindern in exakt der gleichen Umwelt aufwachsen und exakt die gleichen Erfahrungen machen, dann wären Unterschiede zwischen diesen Kindern zu 100% auf deren genetische Unterschiedlichkeit zurückzuführen. Die Frage, die hier beantwortet werden soll, lautet also: In welchem Ausmaß kann die Bandbreite eines menschlichen Verhaltensmerkmals bzw. dessen Varianz durch genetische Unterschiedlichkeit erklärt werden? Gleichzeitig ist darin auch die Frage enthalten, welcher Anteil der Varianz menschlicher Verhaltensweisen nicht durch die genetische Ausstattung erklärt werden kann, sondern durch Umwelteinflüsse.
 
Wenn nämlich Unterschiede zwischen Personen, beispielsweise in ihrer Intelligenz, zu 50% von Erbfaktoren beeinflusst werden, müssen Umweltfaktoren für Unterschiede zwischen Personen ebenso wichtig sein wie Gene. Unser Verhalten ist immer sowohl durch unsere genetische Grundausstattung als auch unsere Umwelt und deren Wechselspiel beeinflusst und unterliegt keineswegs einer »genetischen Determination«. Allerdings kann sich die relative Bedeutung von Anlagen und Umwelt für verschiedene Verhaltensbereiche unterscheiden und im Laufe der Entwicklung über die Lebensspanne verändern. Unsere Gene bestimmen dabei oftmals den Rahmen, innerhalb dessen die Umwelt ihren Einfluss ausüben kann. Nehmen wir als Beispiel die Entwicklung der Lesefertigkeit bei Grundschulkindern. Unsere Gene mögen bestimmen, in welcher Geschwindigkeit wir neue Wörter lernen und Zusammenhänge verstehen, aber wenn dieses Grundvermögen nicht gefördert werden würde, könnten wir als junge Erwachsene kaum komplizierte Texte verstehen oder produzieren. Das tägliche Lesen mit den Eltern, ein guter Lehrer in der Schule, oder Freunde, die ebenfalls gerne lesen, können unser genetisch bedingtes sprachliches Potential also weiter beeinflussen, verändern und fördern.

 

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