Wissenswertes

In dem Forschungsgebiet der Verhaltensgenetik beschäftigen sich Wissenschaftler hauptsächlich mit der Frage inwieweit sich die Merkmale einer Person (z.B. die Persönlichkeit, die Intelligenz oder bestimmte Einstellungen) durch Unterschiede in den Genen, Einflüssen der Umwelt, und auch deren Zusammenspiel erklären lassen. Solche Merkmale werden oft als Phänotypen bezeichnet.

➤ Was sind genetische und Umwelteinflüsse?

Genetische Einflüsse auf diese Phänotypen beruhen auf den Erbanlagen eines Menschen, also dessen genetischem Bauplan. Gleichzeitig werden fast alle Merkmale, die wir beobachten, auch durch die Umweltbedingungen, in denen die Menschen leben, beeinflusst. Als Umweltbedingungen lassen sich neben der elterlichen Erziehung, z.B. auch die ökonomische Lage oder das soziale Umfeld einer Person verstehen.

Doch diese beiden grundlegenden Einflussfaktoren wirken nicht unabhängig voneinander, sondern stehen meist in komplexen Wechselbeziehungen. Um die Bedeutung sowohl der genetischen als auch der umweltbedingten Einflüsse verstehen zu können, ist es daher notwendig beides zu berücksichtigen.

Für Schätzungen zu der Bedeutung von Gen- und Umwelteinflüssen bedarf es spezieller Methoden, welche wiederum verschiedene Anforderungen an die von den WissenschaftlerInnen erhobenen Daten stellen. Gerade Informationen zur genetischen Ähnlichkeit von Personen sind dabei grundlegend. Vor allem auf Basis von Zwillingsstudien lassen sich solche Daten und weitere wertvolle Informationen erheben und auswerten. Zwillinge bieten nämlich den Vorteil, dass sich mittels der Bestimmung ihrer Eiigkeit, auch Zygotie genannt, der Grad ihrer genetischen Ähnlichkeit bestimmen lässt. Die Zygotie wird dabei durch ihre Entstehung bestimmt.


➤ Wie entstehen Zwillinge?

Menschliches Leben entsteht aus einer Zelle. Eineiige (monozygote) Zwillinge entstehen aus einer einzigen befruchteten Eizelle, die sich früh in ihrer Entwicklung in zwei Teile trennt. Genetisch betrachtet sind eineiige Zwillinge daher identisch, man könnte sie daher auch als natürliche Klone bezeichnen. Werden zwei Eizellen von je einer Samenzelle befruchtet, wachsen im Körper der Frau zweieiige (dizygote) Zwillinge heran. Diese unterscheiden sich in ihren Erbanlagen wie gewöhnliche Geschwister, sie teilen also durchschnittlich 50% ihrer Gene. Dies bedeutet bezogen auf ein spezifisches Geschwisterpaar, dass dieses mehr oder weniger als 50% seiner Gene teilen kann. Doch nicht nur die Gene haben einen Einfluss auf die Entwicklung – zu der Person, die wir sind, werden wir auch durch den Einfluss der Umwelt. Insofern sind Zwillinge, gerade eineiige, sich zwar zum Teil erstaunlich ähnlich, identisch sind sie, wenn man sie als Gesamtperson betrachtet, jedoch nicht.


➤ Wie bestimmt man die Zygotie (Eiigkeit) der Zwillinge?

In der modernen Geburtshilfe gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die Ein- oder Zweieiigkeit schon in einem möglichst frühen Stadium festzustellen.
 

➤ Anzahl der Fruchtblasen

Ein erfahrener Gynäkologe kann bereits in der Frühschwangerschaft erkennen, ob sich Zwillinge in zwei getrennten Fruchtblasen entwickeln (dann sind sie fast immer zweieiig) oder ob sie von einer gemeinsamen äußeren Hülle umgeben sind (eineiige Zwillinge). Diese Untersuchung muss allerdings zwischen der achten und zwölften Schwangerschaftswoche durchgeführt werden, später ist das oft nicht mehr erkennbar.

 

➤ Anzahl der Mutterkuchen

Der Ultraschall gibt auch Auskunft darüber, ob ein oder zwei Mutterkuchen vorhanden sind.

 

➤ Geschlechtsbestimmung

Ab der 15. Schwangerschaftswoche kann der Arzt auch meistens das Geschlecht der Babys erkennen, andernfalls gibt eine Chromosomenanalyse darüber Aufschluss. Diese Prozedur wird aber hauptsächlich zur Erkennung von Chromosomenstörungen eingesetzt und hat nur den Nebeneffekt, dass die Eltern das Geschlecht erfahren. Handelt es sich um ein gemischtes Pärchen, liegt der Fall klar auf der Hand, dass die Zwillinge aus zwei Eizellen entstanden sein müssen.

 

➤ Analyse der Plazenta

Wurde die Eiigkeit nicht schon während der Schwangerschaft bestimmt, gibt es auch nach der Geburt die Möglichkeit die Eiigkeit anhand der Plazenta und deren Anzahl an inneren und äußeren Eihäute festzustellen.

 

➤ Analyse der Blutuntergruppen

Die Eiigkeit lässt sich auch durch eine genaue Untersuchung der Blutuntergruppen- und -faktoren feststellen. Dabei stellt der bloße Vergleich der Blutgruppen einschließlich des Rhesusfaktors jedoch kein sicheres Zeichen dar!

 

➤ DNA- Test

Eine nahezu hundertprozentige Sicherheit bieten DNA- Tests. Es handelt sich dabei um das gleiche Verfahren wie bei den Vaterschaftstests, nur dass eben die Proben der Zwillingsgeschwister miteinander verglichen werden.

 

➤ Ähnlichkeitsdiagnose

Ein anderes Verfahren nennt sich Ähnlichkeitsdiagnose: Es werden dabei zahlreiche erblich bedingte Merkmale miteinander verglichen (z.B. Haarfarbe, Muttermale, Tastlinien an den Fingerkuppen). Sind sie identisch kann von einer Eineiigkeit ausgegangen werden.

 

➤ Irisanalyse

Ein weiteres Verfahren, dass auch auf dem Ähnlichkeitsaspekt beruht, ist die Irisanalyse. Von den Irismerkmalen werden 260 zur Verifizierung herangezogen. Bei Fingerabdrücken zum Beispiel sind es nur 40 Merkmale. Da jedes Auge ein einzigartiges Irismuster hat, und da bei der Iriserkennung so viele Merkmale übereinstimmen müssen, ist eine Verwechslung ausgeschlossen. Das gilt auch für eineiige Zwillinge.


➤ Wie häufig sind Zwillingsgeburten in Deutschland?

Die Häufigkeit von Zwillingsgeburten in Deutschland liegt bei ca. 1,2% (1:85). Dabei ist 1/3 der Zwillingspaare eineiig und damit gleichgeschlechtlich, 1/3 ist zweieiig und gleichgeschlechtlich und 1/3 ist zweieiig und gegengeschlechtlich. Außerdem kann die Neigung, mehrere Eizellen zu produzieren und somit zweieiige Zwillinge zu bekommen, bei Frauen rezessiv vererbt werden. Das heißt: Hat eine Mutter in ihrer Familie zweieiige Zwillinge, so steigt die Möglichkeit, dass sie selbst Mehrlinge zur Welt bringt. Für eineiige Zwillinge gilt dies jedoch nicht. Außerdem wird die Häufigkeit von Mehrlingsgeburten durch künstliche Befruchtung erhöht, weil der Mutter dabei mehrere Eizellen eingesetzt werden.


➤ Wie häufig kommen Zwillingsgeburten weltweit vor?

Weltweit kommen etwa bei jeder 40. Geburt Zwillinge auf die Welt. Dabei gibt es regionale Unterschiede. Bei den Yoruba ist es zum Beispiel jede 6. Geburt, in Japan nur jede 100. In Europa gibt es zumindest ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Auffallend hoch ist zum Beispiel der Anteil an zweieiigen Zwillingen in Finnland. In Deutschland lag die Anzahl an Zwillingsgeburten im Jahr 2012 bei 11.648, was einem Anteil von ca. 3,5% aller in Deutschland geborenen Kinder entspricht. Die Wahrscheinlichkeit für eineiige Zwillinge ist dagegen weltweit gleich: bei Tausend Geburten gibt es etwa vier Mal eineiige Zwillinge. In den reichen Ländern nehmen zweieiige Mehrlingsgeburten in den letzten Jahren zu. Wichtigste Ursache der Zunahme liegt im steigenden Lebensalter der Gebärenden und den Fertilitätsbehandlungen. Bei der Entstehung von Drillingen und Vierlingen sind die Zahlen sehr unterschiedlich. Unabhängig vom Alter der Mutter oder dem regionalen Faktor sind 95% aller Drillings- und Vierlingsschwangerschaften das Ergebnis einer künstlichen Befruchtung.


➤ Welche Frauen haben eine größere Chance, Zwillinge zu bekommen?

Die Chance auf zweieiige Zwillinge erhöht sich besonders für Frauen im Alter zwischen 34 und 39 Jahren mit bereits einem oder mehreren Kindern. Im Wesentlichen schafft hier die Mutter die Voraussetzung für ihre Entstehung, indem durch eine erhöhte Produktion des follikelstimulierenden Hormons FSH zwei Eizellen statt einer heranreifen, die dann auch beide befruchtet werden. Auf einem ähnlichen Prinzip beruht eine Hormonbehandlung, weil durch die erhöhte Ausschüttung von Hormonen mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen.


➤ Gibt es eine familiäre Häufung von Zwillingen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau zweieiige Zwillinge bekommt ist im Allgemeinen größer, wenn sie selbst Zwilling ist oder es in ihrer Familie schon irgendwann einmal Zwillinge gab. Die gängige Theorie, dass dabei jeweils eine Generation übersprungen wird, wurde bisher nicht wissenschaftlich belegt. Väter haben keinen erwiesenen Einfluss auf die Möglichkeit, zweieiige Zwillinge zu zeugen und es spielt nach bisherigen Erkenntnissen auch keine Rolle, ob in der väterlichen Linie Zwillinge vorkommen. Bei eineiigen Zwillingen spielen alle diese Faktoren keine nachweisliche Rolle. Sie sind ein reines „Zufallsprodukt“.


➤ Sind Zwillinge unzertrennlich?

Häufig wird angenommen, dass Zwillinge immer ein gute Beziehung zueinander haben. Allerdings unterscheiden sich Zwillinge im Alltag nicht von anderen Kindern, wenn es um Streit, Neid oder Eifersucht geht. Tatsächlich machen Zwillinge sehr oft die Erfahrung, dass sie die Aufmerksamkeit von anderen Personen innerhalb der Familie - mehr als „normale“ Geschwister - teilen müssen.
 
Zwillinge verbringen während ihrer Kindheit mehr Zeit miteinander als mit irgendjemand anderem (sogar als mit der eigenen Mutter), was ein wesentlicher Faktor für die enge Verbundenheit zwischen ihnen ist. Zwillinge ergänzen sich oft, dabei übernimmt der eine beispielsweise eine dominante Rolle, während sich der andere eher in den Hintergrund zurückzieht („Couple- Effekt“).


➤ Was bedeutet Erblichkeit?

Die Erblichkeit (engl. heritability) beschreibt  wie sehr die beobachteten Unterschiede in einem Merkmal zwischen Individuen auf Unterschiede in ihrer genetischen Ausprägung zurückzuführen sind.

Erblichkeitsschätzungen, wie man sie oft in Artikeln findet, sagen somit etwas über den Beitrag der genetischen Unterschiede zu den Unterschieden im sogenannten Phänotyp (der beobachteten Ausprägung z.B. der Persönlichkeit) zwischen Mitgliedern einer Gruppe von Personen aus. Es ist wichtig zu betonen, dass sie nichts über die anteiligen Beiträge von Genen an der Entwicklung eines einzelnen Menschen sagen können.

 

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